„Geh aufrecht, du bist ein deutscher Soldat“

Wenn ich hin und wieder am Bahnhof in Frankfurt am Main auf einen Zug nach Düsseldorf warte, bekomme ich Beklemmungen. Die Gesichter der Bänker und Finanzangestellten machen mir einfach Angst. Diese haifischänlichen Gesichtsausdrücke, stur, konzentriert, und zielgerichtet verfolgen sie Ihre Route zum Eingang des ICE’s um bloß als erster im Zug zu sein, als erster den Platz zu bekommen und kratzen sich dabei auch mal die Augen aus, wenn ein Ellenbogen den anderen beim Einsteigen berührt. Einfach unangenehm. Aber es wirkt, vor bemalten Menschen haben auch die Haifische etwas Respekt. Und lassen mich in Ruhe, treten mir nicht auf den Fuß und behalten ihre Ellenbogen bei sich.
Im völlig überfüllten Zug habe ich Glück und finde einen Platz im Bistro-Abteil neben drei Anfang Zwanzigjährigen Großstadt Cowboys.
„Ist der Platz noch frei?“
„Aber selbstverständlich…“ sagt der eine, großgewachsene, schon leicht angezählte junge Mann, dessen verschmitztes Grinsen mich irgendwie an einen frühen Jugendfreund Heiko erinnert.
„Wollen sie einen Keks haben, hier ist noch einer drin…“
deutet auch eine fast leere Packung Prinzenrollen, nur noch ein Keks befindet sich in der Packung.
Ich überlege einen Moment, ob das hier der richtige Platz für mich ist oder ob ich mich lieber woanders hinsetze zu den Pinguinen und Haifischen aber dann entscheide ich mich doch zu bleiben. Neugier. Und ich habe die Ahnung, hier könnte etwas interessantes passieren. Außerdem ist eh kein Platz frei.
„Da ist ja nur noch ein Keks drin, das kann ich nicht machen, dann habt ihr ja keinen…“

Das Dauergrinsen wird verwandelt sich auf einmal in einen sehr betroffenen Gesichtsausdruck, mit ernster Miene sagt der Großgewachsene
„In anderen Kulturkreisen würde man so was jetzt als Beleidigung ansehen…“
Alle um mich herum lachen herzhaft, ich nehme den Keks.
Alles klar, im Aquarium habe ich einen sicheren Platz mit hohem Unterhaltungspotenzial ergattert, die anderen Zugfahrgäste um uns herum blicken jetzt sehr konzentriert in ihren Akten. Bloß nicht hingucken, bloß nicht hingucken.

Ich will auch demnächst eins auf meinen Unterarm machen lassen.“ Der junge Soldat, ich nenne ihn Thomas, ist 18 Jahre alt, irgendein undefinierbare Slogan auf seinem Baseballcap, braungebrannt, bricht er irgendwann das Eis, nachdem seine Blicke immer wieder auf meine bunten Arme fallen.
Und was solls werden?“
Der MSV Duisburg soll verewigt werden, auf dem Innenarm, einer eher schmerzhaften Stelle am Körper, gebe ich zu. Ich schmunzele innerlich. Aber was soll’s, mich kann nichts schocken in dieser Runde. Die Show beginnt.
„Das liegt bei uns in der Familie. Wir stehen alle total auf den Verein und ich weiß einfach, datt ich bis an mein Lebensende MSV Fan bleiben werde.“
So ist es mit den Tätowierungen, man muss sich halt genau überlegen, was man auf seiner Haut trägt, erwidere ich diplomatisch, denn schließlich gilt es ja für immer.
Auf Heimreise?“ frage ich.
„ Ja, nur noch eine Woche, dann haben wir die Pflichtausbildung hinter uns, danach verpflichte ich mich für 24 Monate.“
Alle drei, auch ein etwas mächtigerer, 20 jähriger, der allerdings wenig von sich gibt und ab und zu nur mal die Augen halb auf macht, nicken. Zusammen haben Sie den Grundwehrdienst in Nürnberg angetreten, stammen alle aus Düsseldorf oder Duisburg.
Ich werde neugierig. Bundeswehr, das konnte ich damals erfolgreich von mir abwenden. Eine Begründung musste ich damals abliefern, warum ich eigentlich ein Weichei bin und sofort anfangen würde zu weinen, wenn ich ein Gewehr nur anfasse. Das hatten mir damals ganz viele Experten geraten, nur mit dieser Begründung könnte man wirklich ausschließen, auch wirklich nicht genommen zu werden. Und es klappte. Zivildienst in einer Behinderteneinrichtung. Aber das erzähle ich in dieser Runde nicht.
„Na ja, es ist schon hart gewesen die ersten Monate. Also, man kriegt da nichts geschenkt und der Ton ist halt roh.“ Dafür müsse man geschaffen sein, bereit sein, sagt der Grinsemann vor mir.
Deswegen sind die drei aber auch befreundet, weil es wenig Raum für Zweifel oder persönliche Nöte bei der Bundeswehr gibt. Und deswegen ist es wichtig, sich gegenseitig auch mal zum Zuhören zu haben, sagt er. Hmm. Ein 18-jähriger Mann, eigentlich für mich noch ein Junge. Ich stelle mir vor, wie er eigentlich was ganz anderes macht oder machen sollte, Graffitis sprühen, Musik machen. Steht sogar auf Punkrock, sagt er.
„Also, ich hab auch schon mal ne Träne weggedrückt, geb ich offen zu“.
Keiner lacht dabei, denn gerade in den ersten Monaten ist es besonders schwer, von Zuhause weg zu sein. Geben alle zu.
„Man wird halt auch manchmal sehr hart behandelt. Wenn wir zum Beispiel an manchen Tagen nicht mehr können, weil wir den ganzen Tag mit 20 Kilo auf dem Rücken marschiert sind und dann einfach mal müde aussehen, dann kommen schon Sprüche wie „Geh mal aufrecht, du bist ein deutscher Soldat, sei mal stolz darauf“ oder so…Also, sanft ist das nicht.“
Geh mal aufrecht, du bist ein deutscher Soldat. Tatsächlich also die soldatische Erziehung? Keine Schwäche zeigen, stolz auf sein Vaterland sein und das 24 Stunden fühlen, denken und tun. Ein komisches Gefühl kommt in mir hoch. Ich bleibe gefasst und beurteile am besten mal nichts sondern höre einfach nur zu. Ich Erhabener.
„Wie ist das mit Auslandseinsätzen, könnte das in den nächsten 24 Monaten auf euch zukommen?“
Eine kurze Diskussion folgt über die Frage, ob man beim Eintritt in die Bundeswehr nun das Kreuzchen bei der Frage nach Auslandseinsätzen gemacht hat oder nicht, aber irgendwann sind sich alle einig: Ja, das kann passieren, dazu haben sich alle automatisch verpflichtet.
„Afghanistan, das ist halt schon möglich klar, kann sein, dass man da einen lockeren Job bekommt und den ganzen Tag vorm Computer sitzt, kann aber auch sein, dass wir als Minensucher raus geschickt werden und eigentlich jeden Tag damit rechnen müssen, nicht mehr heile zurückzukommen.“ Wenn das passiert, sagt der 18-Jährige, würde er lieber gleich ganz sterben, anstatt mit einem Bein weiter zu leben. Bilder hat er gesehen, sagt er, von zerfetzten Körperteilen, da ist ihm ganz anders geworden.
Hatte der Junge vor der Bundeswehr kein Internet, frage ich mich. Ich entgegne, dass man mit einem Bein ja mit einer Prothese immerhin noch leben könnte. Interessant hier, dass bei einem solchen Fall ein verwunderter Soldat gleich als Berufssoldat eingestuft wird und sozusagen lebenslänglich Geld bekommt. Schön ist die Vorstellung trotzdem nicht.
Aber die eigentlich spannende Frage für mich ist nun nicht mehr zurückzuhalten. Ich will es jetzt mal direkt von einem „Betroffenen“ hören.
„Aber ganz ernsthaft: macht euch das keine Angst, warum gebt ihr euch das dann?“
Ich schaue bei dieser Frage auch um mich herum und frage mich, was wohl die Frau oder der Bankangestellte auf der anderen Seite darüber denken, die offensichtlich das Gespräch mitverfolgt haben, ihren Kopf inzwischen aber noch tiefer in die Akten gesteckt haben. Gerne würde ich auch sie fragen, was sie über einen 18-jährigen Jungen denken, der vielleicht im nächsten Jahr in Afghanistan einen Minenfeld durchsucht und sich dabei ein Bein abreißen lässt. Für das Vaterland natürlich.
„Klar, macht mir das Angst.“ Gibt der 18-jährige zu.
„Aber letztendlich haben wir da keine Wahl. Wir haben uns dafür entschieden und müssen das halt durchziehen. Letztendlich sind wir vor Ort, um ja die Menschen dort zu unterstützen, um ihnen zu helfen aber was mich ärgert ist einfach, dass die Bundeswehr die Verhältnisse runter spielt.“
So ist die Zahl der Verwundeten oder erschossenen deutschen Soldaten um ein vielfaches höher als allgemein wahrgenommen wird. 400 bis 500 sollen es sein, sagt der 18-jährige. Alle nicken. Ich zweifele etwas an der Zahl, es sind doch um die 50 Menschen, die getötet wurden und knapp 300 Verletzte. Wie absurd, hier auf oder abzurunden. Nein, nein, die Verletzten, das sind mehr als gedacht und verletzt heißt nicht, dass da jemand einen Holzsplitter unter den Fingernagel gerammt hat. Und alle die so eine Situation mitbekommen, einen Angriff aus dem Hinterhalt, sind auch verletzt. Seelisch.
Das mit der Demokratie vor Ort aufbauen und für Sicherheit sorgen klingt mir zu einfach. Ich hake nach. Inzwischen ist noch ein weiteren junger Mann dazu gestoßen, der trägt eine gespiegelte Tom Crusie Brille, dazu ein Buntes Hip-Hop T-Shirt und abgewetzte Skaterschuhe.
„Wir sehen das schon so, dass wir dort halt etwas sinnvolles tun und die Menschen vor Ort schützen“ sagt auch er. Aber sind die Verhältnisse dort nicht viel komplizierter als wir uns das denken, von wegen Demokratie einfach exportieren? Großes Fragezeichen auf den Gesichtern, auch bei mir, denn auch ich weiß zu wenig über die Verhältnisse vor Ort, eigentlich nur, dass es immer noch Gefechte dort gibt, das westliche System der Demokratie anscheinend nicht ganz akzeptiert wird und die Taliban keineswegs verschwunden sind, vielleicht sogar von einem Teil der Bevölkerung getragen werden. Wir sind bei dieser Frage alle ratlos aber ich will trotzdem wissen, und diese Frage lässt mich nicht mehr los: Was ist der Reiz, warum setzt man sich einer solchen Gefahr als junger Mensch aus, Abenteuerlust kann ich doch auch beim Klettern befriedigen?
Tom Cruise hat jetzt seine gespiegelte Brille abgesetzt und auf einmal sehe ich ein Gesicht, dass mich ebenfalls an einen Freund von früher erinnert, an Heini, einen Punk sich viele Jahre seines Lebens darunter gelitten hat, mit ausgeschlagenen Gebiss herumzulaufen und sich schließlich für viel Geld neue Zähne machen ließ.
Ich stelle mir vor, wie das Gesicht von Tom Cruise von einem Granatsplitter getroffen wird.
„Für mich ist das halt genau diese Erfahrung, diese Situation, die vielleicht auch den Nervenkitzel ausmacht, dass man halt weiß, man riskiert alles und kommt vielleicht nicht heile zurück. Also ich denke, man muss das bei der Bundeswehr einfach erleben um es wirklich zu wissen.“  Der 18-jährige, der bei diesen Ausführungen jetzt immer unruhiger auf seinem Sitz hin und her rutscht, widerspricht.
„Also, ganz ehrlich. Ich finde dass total bescheuert, dass man das braucht, und ganz ehrlich: jeder der zur Bundeswehr freiwillig geht, der ist eigentlich bescheuert, dass er sich auf so was einlässt.“
Langsam wird deutlich, dass er mit dieser Meinung aber alleine dasteht. Die Stimmung wird jetzt hitziger, lauter. Das ist doch totaler Blödsinn so was zu sagen, sagt der jetzt gar nicht mehr grinsende Großgewachsene Sunnyboy, er würde immer dafür werben, für die Bundeswehr und die Erfahrungen, auch wenn es manchmal hart wäre, und Tom Cruise sieht das genauso, man müsse eben auch dafür geschaffen sein. Ein richtiger Mann oder eine richtige Frau sein, oder wie? Was heißt, dafür geschaffen sein?
Ich weiß nicht so richtig, ob der 18-jährige mir mit seiner Anti-Bundeswehr Haltung imponieren will oder ob er wirklich so denkt. Und da ist es auch schon wieder, das beklemmende Gefühl, darüber nachzudenken, dass er irgendwo in Afghanistan den Sand nach Minen durchsucht. Ich bekomme brüderliche Gefühle, so als wolle ich ihn irgendwie davor beschützen. Und ich habe das noch ekelhaftere Gefühl, dass ihr jugendlicher Leichtsinn und ihre Abenteuerlust sehr professionell ausgenutzt wurden. Oder nicht?
Inzwischen wird der Ton lauter, Was erzählst du da für einen Blödsinn, du wolltest doch da auch hingehen, freiwillig, Nein, ich habe das einfach so gemacht ohne zu wissen, worauf ich mich einlasse, Blödsinn, also ich würde dafür immer werben, immer wieder für die Bundeswehr. Und so weiter, und so weiter. Schon bemerke ich geballte Fäuste und nicht zu vergessen – die drei leer getrunkenen Weizenbiergläser.
Irgendwann merke ich, dass ich etwas tun muss damit die Stimmung nicht eskaliert, die arme Bankangestellte neben mir tut mir jetzt irgendwie auch leid, bekommt sie ihren Kopf aus der Akte überhaupt wieder raus? Es klingt etwas albern, aber in der Runde als Ältester sage ich jetzt laut und deutlich: STOPP.
Der Zug fährt langsam in den Bahnhof ein, die Gemüter bleiben angespannt aber es wird jetzt nicht mehr gestritten. Ich frage mich, was wohl passieren würde, wenn irgendwo im Zug ein Bundeswehr Spitzel die Unterhaltung mitverfolgt hat? Sicherlich müsste der 18-jährige am meisten leiden, denke ich mir, einfach, weil er ja doch ein Verräter gegen das Vaterland und kein stolzer Deutscher gegenüber einem Zivilisten war. Hat er das wirklich gespielt oder waren das tatsächliche Zweifel?
Mir ist nicht nach Erhabenheit zu Mute nur weil ich mich als Kriegsdienstverweigerer so erhaben fühlen dürfte, weil ich diesen Mist nicht mitmachen musste oder mich dagegen gewehrt habe. Was mir an diesem Tag wie ein Kloß – nein – wie Mine in meinem Hals stecken bleibt, ist etwas anderes. Geh aufrecht, du bist ein deutscher Soldat.
Damit werden junge, vielleicht ahnungslose Kids also von der Straße in den Graben geholt, damit sie ihrem Land dienen, als stolzer, deutscher Soldat? Nein, damit werden sie nicht angeworben auf irgendeinem Stand am offenen Tag für Unternehmen in einer Berufsschule, so plump sind die netten Herren da nicht. Perspektiven werden angeboten, ein Berufsfeld mit Zukunft, denn Krieg, meine Herren, wird es doch immer geben. Sie erlernen einen Beruf. Welchen denn? Na ja….
Ich steige aus dem Zug aus, die drei jungen Soldaten mit mir, aber nur zum Rauchen und zum Runterkommen nach der hitzigen Diskussion im Bistro des ICE von Frankfurt nach Düsseldorf. Wieder diese brüderlichen Gefühle, was für ein Quatsch. Denke ich.
„Na dann, viel Glück euch und passt auf euch auf!“ sage ich und schaue dabei vor allem den 18-Jährigen länger an.
Eigentlich würde ich ihm gerne sagen, Sieh zu, dass du da sofort raus kommst aus dem Laden, aber irgendwie scheint mir, als ob er diesen Satz ahnt, vielleicht wie ein telepathisches Signal sogar hört, ganz deutlich – dann aber lieber wieder vergisst.

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