RAMPEN STATT BOMBEN

Am Anfang hielt der deutsch-amerikanische Produzent Ken Meyer die Idee für einen Scherz.”…wir können das nicht machen…“ waren seine ersten Sätze, als der gebürtige Düsseldorfer Kameramann Kai Sehr im von der Idee erzählte. Einen Film in Kabul zu drehen, das sei zu gefährlich, zu viele Selbstmordattentäter, zu viel Unsicherheit. Kai Sehr ließ nicht locker, erzählte ihm von dem Projekt, das Kids mit Skateboards von der Straße holt, ihnen eine neue Perspektive bietet. Inmitten einer zertrümmerten Stadt, in welcher die Kinder, wenn überhaupt, in zerschossenen Häusern und ausgebrannten Panzern spielen – und ganz andere Probleme haben. Schließlich hatte die Hartnäckigkeit Erfolg bei Ken Meyer. „As we say in English: I was hooked.” Was soviel bedeutet, Ken Meyer war angefixt.

Die Story von SKATEISTAN ist schnell erzählt und klingt fast wie ein Märchen.

Die Australier Oliver Percovich und Sharna Nolan reisen mit nicht viel mehr als ein paar Habseligkeiten und ihren Skateboards nach Kabul um dort als Entwicklungshelfer zu arbeiten. Um sich die Zeit zu vertreiben in der von Militärs belagerten Stadt, beginnen sie in ihren Pausen ein paar Runden auf ihren Skateboards in einem alten russischen Brunnen zu drehen. Die Straßenkinder in KABUL sind fasziniert von deren Akrobatik. „Kann ich auch mal probieren?“ lautet immer öfter die Frage der wissbegierigen Kinder, schnell entstehtttt aus den spontanen Treffen am Brunnen ein richtiger Skateboard Kurs, später folgt eine Skateboardschule und schließlich – nach langer Sponsorensuche – die erste Skateboardhalle Afghanistans. All das in der afghanischen Hauptstadt Kabul, in einem Land in dem fast 50 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre alt sind, ohne Perspektive und ohne jegliche Freizeitmöglichkeiten. Hinzu kommen die sozialen Schranken zwischen Straßenkindern und privilegierten Jugendlichen die weiter bestehen. Am leidvollsten ist die Situation aber für Mädchen, auch nach der offiziellen Aufhebung des Burkazwangs und anderen Schikanen gelten sie immer noch als minderwertig. Ein zentraler Grund dafür, das eine geschützte Halle entstehen musste, nur so konnte die Bewegungsfreiheit für Mädchen garantiert werden erklärt Ken Meyer” Wir hatten am Anfang Situationen, wo Eltern nicht wollten, dass ihre Kinder mit Kindern aus anderen Schichten zusammenspielen, oder dass sich die Mädchen womöglich außerhalb ihrer zugewiesenen Rollen bewegen aber als sie dann erkannt haben, dass die Kinder wieder zur Schule gehen und von der Straßen kamen, erkannten die Eltern, dass Skateistan keine so schlechte Idee sein könnte.”

Nicht nur Skateboarden sondern auch Computerkurse und Nachhilfe in Mathematik oder Schreiben wird angeboten, dazu gibt es täglich warme Mahlzeiten für die Straßenkinder, die sonst zwischen Trümmern von zerbombten Häusern überleben müssen.

Nicht nur Filmemacher Kai Sehr sondern auch die extra angereisten Profiskater und Trainer aus Amerika staunten am Anfang nicht schlecht über die furchtlosen Sprünge der Skaterkids aus Kabul, die notfalls auch in Sandalen oder barfüßig über jedes Hindernis springen würden, gleichgültig wie schmerzhaft die missglückte Landung auch sein wollte. Wer nichts zu verlieren hat, hat auch keine Angst.

Mittlerweile hat das Projekt schon einige Erfolgsgeschichten hervorgebracht. Zum Beispiel die vom 16 jährigen Straßenjungen Wais, ein klebstoffschnüffelnder Anführer einer Straßengang in Kabul, der durch das Skateboraden ein neues Leben beginnen konnte sogar einen Job als Skateboardlehrer bekommen hat. Oder die Geschichte der 12 jährigen Fazila, die in der Nähe des russischen Brunnens bettelte und durch das Projekt zunächst Skateboardlehrerin und später durch die Hilfe von Skateistan sogar den Anschluss an die Schule geschafft hat. Beispiele wie diese gibt es viele.

Für Ken Meyer und Kai Sehr, die sonst mit Hollywood Größen zu tun haben, ist Skateistan inzwischen mehr als nur ein Dokumentarfilm über eine Skateboardhalle in Kabul geworden. Skateboarden ist ein Werkzeug, „das viel mehr leisten kann als viele Entwicklungsprojekte, und das mehr ist als nur ein Gebäude, dass von einer Entwicklungsorganisation gebaut wird. Am Ende geht es um Beziehungen und das überwinden von Vorurteilen und gerade das wird gefestigt. Ein Gebäude kann abgerissen werden, die Beziehungen und Freundschaften bleiben“ so der Produzent Ken Meyer.

Eines ist wohl sicher; Auch wenn in der unsicheren und immer noch aufgeheizten Atmosphäre Kabuls jemand die große Skateboardhalle abbrennt, so dürfte es nicht lange dauern, bis die Kinder von Kabul wieder eine neue Halle errichten. Getreu dem Motto: Build Ramps not Bombs. Skateistan zeigt, dass ein Brett mit vier Rollen im kleinen Welt verändern kann.

Der Artikel ist in der Oktober Ausgabe 2011 des Straßenmagazins FiftyFifty erschienen.
Mehr Infos zum Projekt Skateistan:  skateistan.org
Alle Rechte der Bilder: Ken Meyer

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