Raus aus dem Hamsterrad! – Interview mit Dr. Thomas Köhler vom Pestel Institut Hannover

Der Green New Deal mit erneuerbaren Energien gilt als zukunftsweisender Weg raus aus der ewigen Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Schöne Utopie, meint der Sozialwissenschaftler Dr. Thomas Köhler vom Pestel Institut.
Auch Solarzellen und Windräder benötigen Ressourcen und um die wird es in den kommenden Jahren zunehmend härtere Konflikte geben. Um das Ziel einer friedlichen Energieautonomie wirklich zu erreichen, schlägt Thomas Köhler den Abschied vom ewigen Wachstum und eine quasi-ökosozialistische Vision einer neuen Gesellschaft vor.

(Hinweis: das Interview wurde 2010 aufgezeichnet und als Radiobeitrag gesendet, bei dem Text handelt es sich um ein Transcript)
Interview: Raoul Festante

Herr Köhler, wenn es wirklich stimmt, dass wir in 15 bis 20 Jahren das Fördermaximum von Öl erreicht haben, müssten wir doch eigentlich in Panik geraten, oder?

Das mit der Panik stimmt, das sage ich eigentlich auch immer, zumal wir voraussichtlich gar nicht mehr die Zeit bis 2025 haben. Die neuesten Peak Oil Prognosen gehen davon aus, dass das Öl in den nächsten Jahren immer schwerer zu fördern, immer stärker nachgefragt und dadurch immer teurer wird – und dass es schon bald größere ökonomische Erschütterungen, sogenannte Ölpreisschocks geben wird. Die internationale Energieagentur hat vor kurzem eine Pressemeldung herausgegeben, nach welcher die nächste größere Erschütterung dieser Art bereits 2012 oder 2013 zu erwarten ist. Wenn man dies auf die derzeitige ökonomische Weltlage überträgt, dann leuchtet wohl ein, dass auf so eine labile Gesamtsituation die Erschütterung durch einen Ölpreisschock einen wirklich beängstigenden Effekt haben würde.

Das heißt 2012 könnten wir eine ähnliche Situation haben wie vor einigen Jahren, als der Benzinpreis sprunghaft in die Höhe stieg?

2008 war der Benzinpreis bei 147 Dollar pro Barrel angelangt, derzeitig liegt er bei 70 bis etwas über 80 Dollar, was ja auch schon ein hoher Preis ist wenn man bedenkt, dass der Preis bis in die 2000er Jahre noch bei 10 bis 30 Dollar pro Barrel lag. Wenn der nächste Ölpreisschock kommt, dann dürfte hingegen selbst der bisherige Spitzenwert von 147 Dollar pro Barrel sich noch gering ausnehmen. Ölpreisschock bedeutet, da gerät etwas außer Kontrolle, es gibt sogenannte Tipping Points, also ein Umkipp-Punkt des Wachstums, welcher zu heftigen, schnel wechselnden Ausschlägen nach oben und unten führt. Der Preis pro Barrel könnte dann kurzfristig durchaus auf über 200 Dollar steigen, könnte danach aber auch schnell wieder absacken, weil diverse Industriezweige schwer getroffen in die Knie gehen. Das ganze ist kaum vorherzusagen. Ökonomisch wird es vielleicht so ähnlich laufen wie 2008, das heißt es gibt eine Spitze in der Preisentwicklung und darauf folgt eine ökonomische Krise in welcher die Nachfrage zusammenbricht. Diese kurze Spitze, also das Erreichen des Tipping Points, hat allerdings einen sehr heftigen und langwierigen Effekt. Die Spitze kommt notwendig dann zustande – und das ist der Peak Oil-Effekt – wenn das Ölfördermaximum in einer wachsenden Weltwirtschaft erreicht wird. Zur Zeit können maximal circa 85 Millionen Barrel pro Tag gefördert werden. Wenn jetzt 2012, 2013 die wachsende Weltwirtschaft bei den 85 Millionen angekommen ist, gibt es eine Knappheit welche den Ölpreisschock erzeugt und dann geht es in komplexen Kettenreaktionen bergab.

Die Grenzen des Wachstums war eine Studie, welche vom Gründer ihres Instituts, Eduard Pestel, mit initiiert wurde. Die Studie hat bei ihrer Veröffentlichung für heftige Kontroversen gesorgt. Die Kernaussage war: Irgendwann ist Schluss mit dem Wachstum, wenn alle Ressourcen verbraucht sind. Warum sind wir eigentlich gerade vom Öl so abhängig, warum spielt das Öl bei der Diskussion um die Grenzen des Wachstums so eine elementare Rolle?

In der Studie ging es darum, Szenarien zu berechnen die Prognosen darüber ermöglichen, was passiert, wenn das exponentielle Wachstum weiter stattfindet. Die Studie wird ja immer wieder neu reproduziert, immer noch betreut von dem amerikanischen Wissenschaftler Dennis Meadows. 2012 wird Dennis Meadows die neuesten Ergebnisse präsentieren. Die werden darauf hinaus laufen, dass es eine Bestätigung für den Overshoot gibt, das heißt, nahezu alle rechenbaren Szenarien deuten auf eine absolute Grenze des Wachstums hin welche sehr bald erreicht wird, so dass es wahrscheinlich nicht mehr möglich sein wird, dieses Abrutschen der Wachstumskurven aufgrund kollabierender Teilsysteme gesellschaftspolitisch einzuholen. Im Gegenteil, der Overshoot wird zu einer Art Naturkrise des Sozialen führen.
Zur Frage nach der Abhängigkeit vom Öl: Unterschiedliche Bereiche der Ölnachfrage wie beim Heizen und bei der Energieerzeugung lassen sich noch relativ gut ersetzen. Aber Transport und Mobilität sind eben die Schlagadern moderner Ökonomien, die nur mit Öl funktionieren. Was man sich gerne vorstellt ist ein explosives Wachstum aufgrund des Green New Deals, also Wachstum einer grünen Ökonomie, die mit der erneuerbaren Energieerzeugung verbunden ist. Man kann im Rahmen entsprechender Hochrechungen zwar ganz optimistisch prognostizieren, dass bis 2050 ungefähr 40% der Fahrzeuge mit Batterien betrieben werden. Wenn die Hochrechnungen aber mit dem Peak Oil, also den Ressourcenkrisen verknüpft werden, dann entsteht für das Greeen New Deal-Szenario ein drastischer Argumentationsengpass. Denn wenn ein Overshoot 2030 passiert, die Peak Oil Preisschocks aber schon 2013 eintreten, dann kann man die Entwicklung des Green New Deal vergessen, weil die erhoffte Innovation in einer Zerfallsökonomie nicht mehr funktionieren wird.

Das heißt, selbst der Green New Deal wird nicht ohne großen Verbrauch von fossilen Energien auskommen?

Green New Deal bedeutet enorme Investitionen in den regenerativen Bereich. Das Projekt Desertec ist ein schönes Beispiel. Es wurde jetzt schon die erste Milliarde Euro aufgetrieben, um dieses große Projekt zur Stromerzeugung in der Wüste in Angriff zu nehmen. Allerdings benötigt das Projekt knapp 400 Milliarden Euro. Daran sieht man, was für Giga-Projekte das sind, bei denen dann wirklich jeder Ökonom oder Investor große Augen bekommt. Diese Projekte verbrauchen aber alle noch ungeheure Mengen an Ressourcen – und eigentlich stecken wir schon mitten in der Ressourcenkrise. Deswegen ist die Rechnung verkürzt zu sagen, wir schaffen in 40 Jahren eine Umstellung auf die sorgenfreie Versorgung mit regenerativen Energien. Mit größter Wahrscheinlichkeit wird das so nicht funktionieren, weil wir schon jetzt einen offenen Widerspruch zwischen Wachstumsökonomie und Ressourcenverknappung haben.

Beim Desertec Projekt geht es ja auch um politische Fragen der Stabilität vor Ort. Die jüngste Studie des Zentrums zur Transformation der Bundeswehr beschreibt für die Zukunft militärische Spannungen aufgrund immer knapper werdender Ressourcen. Wird es doch nicht so einfach laufen, das wir unsere Solarzellen in der Sahara aufbauen und dann von dort den Strom ins Wohnzimmer liefern?

Der Bericht vom Zentrum für Transformation der Bundeswehr hat ja zunächst die Szenarien vom Peak Oil und Klimawandel sicherheitspolitisch durchgespielt. Im Bezug von Desertec gibt es Überlegungen den gesamten mediterranen Raum politisch-militärisch stabilisieren zu müssen. Sonst funktioniert das ganze Projekt nicht. Da entsteht dann in der Abkehr von den fossilen Energieträgern aber eine Art von „Energieautonomie“, die sehr starke und umfassende militärische Engagements verlangt. Das alte Bild von Energieautonomie war himngegen, das wir unseren Strom dezentral erzeugen, wie es z.b. die links-alternativen Bewegungen vorgestellt haben. Das bedeutet, dass wir die Energie, welche wir benötigen, vor Ort produzieren und insgesamt sparsam damit umgehen. Das Wissen, dass man Energieautonomie nur herstellen kann, wenn man sich bemüht, selber Energie zu produzieren und viel weniger Energie selbst zu verbrauchen, ist in Projekten wie Desertec nicht mehr vorhanden. Stattdessen wird suggeriert, wir können so weitermachen wie bisher, wir können auch weiter wachsen, es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Deswegen ist diese Vision auch so problematisch.

Und die Frage der politischen Systeme müsste so gelöst werden, dass die Stabilisierung nach unseren Gunsten geschieht?

Grob gesagt ist das ein gefundenes Fressen für einen militarisierten, autoritären Kapitalismus, wenn man den Begriff so verwenden will. Es ist klar das auf der einen Seite die großen Konzerne wie Siemens und E.ON dabei sind und diese Projekte umsetzen wollen. Es ist auch klar, dass die Regierungen mit ihren militärischen Kapazitäten sich darauf einlassen, weil so etwas immer potentielle Kontroll- und Machtgewinne bedeutet. Ein fundierter Begriff von Energieautonomie kann sich mit solchen Konzepten allerdings nicht im geringsten zufrieden geben, denn das bedeutet das Gegenteil von Autonomie, also eine Entautonomisierung und Entmachtung der Leute vor Ort.

Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hat die militärische Komponente beim Thema Sicherung der Ressourcenwege ja in einem Interview sehr direkt ausgesprochen und hat später seinen Platz geräumt…

Ja es ist ungeschickt, wenn jemandem wie ihm mal die Wahrheit rausrutscht. Denn im Grunde hat er nur ausgeplaudert, womit die Regierungen sich beschäftigen. Wirtschaftsmächte wie Russland, China, Indien und Brasilien sind stark im kommen, das ist weltpolitisch eine völlig neue Situation. Andererseits gibt es in diesen wachsenden Weltwirtschaften immer weniger Ressourcen. Man kann sich im Grunde an einer Hand abzählen, was daraus für sicherheitspolitische Möglichkeiten folgen. Entweder man steigt in diese sehr schreckliche Vision ein, das man immer weiter hoch rüstet, dass man sich daraufeinstellt, wie man mit einem hoch gerüsteten China in Verhandlungen um Ressourcen treten kann, ohne das sofort die Fetzen fliegen. Die andere Vision geht in eine andere, bei vielen Menschen ebefalls mit Angst und Schrecken besetzte Richtung, und zwar aus der Wachstumsökonomie entschlossen und dauerhaft auszusteigen. Das würde heißen, das man die Hälfte der Wirtschaft, der Produktion in den wohlhabenden Ländern abbaut und damit auch die Hälfte des Konsums dort. Und das würde natürlich eine völlig neue Lebensweise bedeuten.

In Kuba gab es in den Neunziger Jahren einen Peak Oil so eine Situation, bei welcher sich die Gesellschaft darauf eingestellt hat, städtische Grünflächen wurden zu Ackerflächen umfunktioniert, Fahrgemeinschaften gegründet und auf regenerative Energien gesetzt.

Kuba wird gerne verwendet um zu beweisen, dass man auch mit viel weniger Ressourcen auskommen kann. Und das stimmt auch, dass es da noch ganz gut gelaufen ist. Aber Kuba ist eine sozialistische Gesellschaft, welche die ökonomischen Dynamiken wie wir sie haben, wo z.b. obere Schichten sehr stark dafür kämpfen, dass sie weiterhin mehr verdienen und mehr haben, gar nicht recht im Erfahrungshorizont hatte. Ich denke dass man durchgreifende subsistenzwirtschaftliche Szenarien nur denken kann, wenn man eine, ich sage mal ganz plakativ: ökosozialistische Vision aufbaut, es müsste schon in diese Richtung demokratisch legitimierter Rationierung, Budgetierung gehen, und zwar weltweit. Warum wir so etwas wie Kuba nicht für unsere Städte denken können, liegt zunächst mal daran, dass wir schlicht und einfach in anderen ökonomischen Zusammenhängen leben. Es müsste wirklich ein ganz radikaler Wandel stattfinden.

Wie zum Beispiel?

Unsere Städte sind ja autofreundlich und die überwiegend wohlhabenden Menschen und Familien die hier leben haben sich auch daran gewöhnt, dass sie schnell mit den Auto die Städte durchfahren können, das fühlt sich wie ein Bürgerrecht an. All die Dinge und Strukturen, an die wir uns hier so gewöhnt haben (und was in Kuba nie gewöhnlich war), müsste man erstmal versuchen zu reduzieren oder abzuschaffen und das ist eigentlich eines der größten Probleme, weil da zur Zeit alles andere als ein Konsens existiert. Wir haben unsere Infrastrukturen, wir haben die Menschen, die sich daran gewöhnt haben, wir haben also ein ganz anderes Alltagsleben, das zutiefst mit den fossilistisch-konsumistischen Strukturen verknüpft ist, deswegen ist Kuba ein schlechter Vergleich, weil wir da meilenweit von entfernt sind. Und weil viele eigentlich nur zum Urlaub machen sich an Kuba orientieren würden.

Das klingt alles sehr düster. Im Prinzip scheint es so, als stecken die Regierungen den Kopf in den Sand, gerade wenn es um die militärischen Dimensionen dieses Problems geht?

Das ist auch eine äußerst schwierige Sache mit dem Peak Oil, und wenn sie mal aufkommt, wie z.B. mit der Bundeswehrstudie, dann wird dieser bedrohliche Teil unserer Lebensrealität einfach verleugnet. Das heißt, es gibt schon den Verdacht, dass bei den großen Ölkonzernen bis teilweise zu den Regierungen der Konsens herrscht, erstmal keine Panik aufkommen zu lassen. Es fehlt in der politischen Öffentlichkeit vor allem aber auch das Vorstellungsvermögen, dass wir wirklich schon so nah dran sind am Krisenherd Peak Oil. Man kann es nachvollziehen, einerseits werden die Informationen verdrängt, andererseits, wenn das wirklich durchkommt, sagen sich die Vertreter der Regierungen, schnell zurück in die Schublade bevor Panik entsteht. In anderen Ländern ist man auch nur ein klein wenig weiter. Es gibt in einzelnen Städten in den USA und England teilweise schon sogenannte Peak Oil Berichtssysteme, welche die Menschen frühzeitig informieren, was im Falle eines Ölpreisschocks oder anderen Szenarien im Zusammenhang von Peak Oil passieren würde und wie darauf reagiert werden kann. Es existieren dort also schon erste Notfallpläne, welche den einzelnen Dezernaten und Referaten Handreichungen geben, wie sie in solchen Situationen reagieren können. In Deutschland gibt es so ein Frühwarnsystem bisher nicht mal im Ansatz. Es ist aber, so denke ich, unbedingt wichtig, dass man diesen möglichen Ernstfall, der mit einiger Wahrscheinlichkeit bald eintreten wird, ernst nimmt und kommuniziert. Dann könnte wenigstens noch ein paar Konsequenzen aus städtebaulicher, planerischer und versorgungstechnischer Ebene ziehen. Denn letztendlich betrifft das alle Bereiche der städtischen Gesellschaft tiefenstrukturell. Deswegen ist es auch eine Aufgabe, die eigentlich viel zu spät angegangen worden ist, selbst wenn wir jetzt schnell agieren.

Info:
Mit Peak Oil bezeichnet man das Erreichen des globalen Fördermaximums von Rohöl. Das bedeutet, der weltweite Bedarf an Rohöl kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gedeckt werden, Dies hat weitreichende Folgen für die Wirtschaft und Gesellschaft. Bei einer Steigerung des Benzinpreises dürften auch die Kosten für Produkte und Nahrungsmittel teurer werden. Mögliche Folgen sind auch Rohstoffkriege um die knapper werdenden Ressourcen. Über den tatsächlichen Zeitpunkt des Peak Oil wird nach wie vor spekuliert, die Internationale Energieagentur prognostiziert das Erreichte Fördermaximum in den 2020er bzw. 2030er Jahren.

*Über die Person:
Dr. Thomas Köhler ist Sozialwissenschaftler am am Eduard Pestel-Institut für Systemforschung in Hannover und Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe “Sicherheitsrisiken gesellschaftlicher Naturverhältnisse” an der Universität Hannover.

*Über das Eduard Pestel Insitut:
Das nach dem Mitbegründer des Club of Rome benannte Insititut forscht in unteschiedlichsten Bereichen, von Entwicklung der Wohnungsmärkte und Stadtentwicklung und Gemeindeentwicklung, führt Befragungen durch und analysiert diese als Dienstleister für Kommunen, Unternehmen und Verbände. Eduard Pestel ist unter anderem für seine Mitwirkung an der ersten Veröffentlichnug des Club of Rome mit dem Titel “Die Grenzen des Wachstums” bekannt. Das kontroverse Buch beschreibt globale Szenairen bei immer knapper werdenden Rohstoffen und Nahrungsmitteln.

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